Fortsetzung: Erfurter Karneval - ein Überblick.
Vom mittelalterlichen Fastnachtsvergnügen zur Brauchpflege
der Gemeinschaft Erfurter Carneval von 1991 e.V.
Nach dem 2. Weltkrieg fanden wieder Maskenbälle und Kappenabende in Erfurter Gaststätten statt. Der zögerliche Anfang wurde von der SED - Führung in der DDR kaum zur Kenntnis genommen. Die ungeordneten Veranstaltungen wurden aber öffentlich und in Stadt und Land immer mehr beliebt. Damit drohte Gefahr für den ideologischen Klassenkampf.
So nahmen die "örtlichen Organe" in den Fünfzigern das Zepter in die Hand und versuchten kontrollierten Einfluss. In Erfurt gründete der SED Oberbürgermeister Georg Boock ein Fest(ordnendes)Komitee, nachdem die FDJ 1953 einen Umzug öffentlich - mit wenig Erfolg - versuchte. Dieser Ausschuss hatte den organisierten Karneval der Stadt zu lenken und zu leiten und war kommunal - der Abteilung Kultur des Rates der Stadt angeschlossen - aber kein eigener Verein.
Anfangs bestimmten bürgerliche Kräfte das Geschehen. Unternehmer, städtische Angestellte bildeten ab 1955 auch das "Festkomitee Erfurter Karneval". Der erste Vorsitzende war ein ehemaliger Rheinländer, der erste Präsident der Genosse Vorsitzende der Erfurter Handwerkskammer.
In enger Zusammenarbeit mit den Darstellern am Erfurter Theater zogen Stadtgarde, Prinzenpaar und Prinzengarde unter dem Schlachtruf "Erfordia Heijo" mit dem Elferrat durch die Festsäle der Stadt. Dies sollte bis 1962 - dem Gründungsjahr des Marbacher Karneval Clubs - das einzige närrische Komitee Erfurts bleiben, das öffentliche Karnevalsveranstaltungen organisierte.
In den Kulturhäusern und Gaststätten Erfurts, im Haus der Armee; Haus des Handwerks Nord; Gildehaus; Münchner Hofbräu, Haus der DSF, Energieklubhaus, Optima-Klubhaus (Kaisersaal) und im Erfurter Hof fanden alljährlich gut besuchte Aufzüge und Sitzungen statt. Mit dem Sitzungskarneval von Marbach (1962), den Vereinen SCC Stotternheim(1962), KCR (1966), und Anger Karneval Club (1968) zog endgültig die politisch-literarische Fastnacht nach Mainzer Vorbild in das Brauchtumsgeschehen der Stadt Erfurt ein.
Der Faschingsclub der CDU (1973), der Karneval Club Braugold (KCB) 1975, ECV (1977) und der Karnevalclub Katholisches Krankenhaus (1978) folgten später.
Fünf tragende "Vereine" waren Ende der 70er für die Stadt öffentlich tätig. Ihre relativ eigenständige Handlungsweise war im Rahmen des "Stadtarbeitskreises Karneval" möglich geworden. Die gemeinschaftliche Veranstaltungsform - wie die jährlichen Prunksitzungen des Erfurter Karnevals - wurden ab 1983 - dem Jubiläumsjahr des Festkomitees, Tradition in Erfurt. Die politische Verantwortung lag bei den Trägerbetrieben der Clubs und beim Veranstaltungsbüro der Stadt, das dem Stadtrat für Kultur unterstellt war.
Danach formierten sich weitere, zumeist regional wirkende Karnevalclubs. Sie fanden ihren eigenen Besucherkreis in den damaligen Gemeinden Töttelstedt (1987) und Alach (1988).
Die Vorgeschichte der Gemeinschaft Erfurter Carneval bildete somit der Stadtarbeitskreis Karneval (STAK) bis zur Wende.
Mit dem Zusammenbruch der staatlich gelenkten Kulturarbeit, der Trägerschaften von Karnevalclubs in der DDR war auch die "führende Rolle" des Festkomitee Erfurter Karneval beendet. 1989/90 ließen sich die ersten Karnevalclubs beim Registergericht "eintragen" - somit war die Voraussetzung für die eigene Entscheidungsfreiheit gegeben.
Das "Veranstaltungsbüro der Stadt Erfurt" war aufgelöst, die Vereine juristisch und wirtschaftlich selbständig.
Es galt für die Brauchtumspfleger der neuen Landeshauptstadt demokratische Grundlagen und Formen der Vereinsarbeit zu finden, um die Großveranstaltungen des Erfurter Karnevals auf eigene Füße zu stellen. Auch war es an der Zeit, die Erfurter Traditionen des Ausschusses für den Erfurter Karneval aus den dreißiger Jahren und des Festkomitees bis zur Wende - fortzusetzen. Vor allem sollten die guten Erfahrungen und die Gemeinsamkeit der letzten Jahre auch nicht aufgegeben werden.
Seit 1983 hatten fünf Erfurter Vereine: AKC, FEK, MKC, KKH und KCB bereits eine gemeinsame Bühne, die jährlich mit der "Prunksitzung des Erfurter Karnevals" ihre vielumjubelnde Darstellung fand. Höhepunkt war 1985 die Ausrichtung des "25. Präsidententreffen der Karneval Clubs der DDR" mit einem Programm, das als das bis dahin beste in der DDR galt und der politisch-literarischen Fastnacht in der DDR zum Durchbruch verhalf.
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